Etappenlauf Teil 3:
Laufen, wandern und entspannen an der Dorfwüstung

Rund 65 Kilometer lang ist die dritte Etappe von Templin nach Neubrandenburg.
Rund 65 Kilometer lang ist die dritte Etappe von Templin nach Neubrandenburg (gpsies.com).

Gut gemeint haben es die Leute von der Radler und Jugendherberge Templin. Offenbar haben sie meinen Appetit deutlich überschätzt und mich mit einem überaus reichhaltigem Frühstück beglückt. Satt und zufrieden mache ich mich kurz nach acht auf die rund 65 Kilometer lange Etappe nach Neubrandenburg. Die Beine fühlen sich noch recht schwer an von 50 Kilometern, die ich gestern von Biesenthal nach Templin zurückgelegt hatte. Es ist Schwül bei bedecktem Himmel.

Nach rund zwei Kilometern lasse ich die historischen Mauern der Stadt hinter mir, überquere den Templiner Kanal. Doch schon bald muss ich die Batterien des GPS-Gerätes wechseln. Ohne geht es nicht, denn Wanderkarten habe ich nicht dabei, aber dafür genügend Ersatzbatterien im Rucksack.

Warum GPS praktischer als die Wanderkarte ist

Ganz sicher hätte ich mir von allen Etappen auch handliche Kartenausschnitte ausdrucken und wasserdicht in Folie verpacken können. Erfahrene Ultraläufer machen das schon mal so, wenn sie ganz ohne GPS-Technik unterwegs sein wollen. Aber ich habe mich ganz bewusst für die Technik entschieden. Ich finde das enorm praktisch, mit einem kleinen GPS-Gerät zu laufen.

Das Schienbein protestiert

Kurz hinter Templin läuft es sich auf einer kaum befahrenen Landstraße ganz angenehm. Wenn nur das Schienbein nicht protestieren würde, wäre es noch schöner.
Kurz hinter Templin läuft es sich auf einer kaum befahrenen Landstraße ganz angenehm. Wenn nur das Schienbein nicht protestieren würde, wäre es noch schöner.

Endlich kann ich die Landstraße verlassen und trabe in gemütlichem Tempo über eine weniger stark befahrene Kreisstraße nach Gandenitz. Zwar haben sich die Beine wieder an die Bewegung gewöhnt, doch spüre ich einen leichten Druck im rechten Schienbein, der sich bald schmerzhaft bemerkbar macht. „So ein Mist! Das war’s wohl erst mal mit dem Laufen“, geht es mir durch den Kopf. Ich kenne die Beschwerden nur allzu gut. Denn schon zwei mal hatte ich das Schienbeinkantensyndrom, eine Überlastung der Sehnen vom vorderen Schienbeinmuskel zu den Zehen. Die leichte Entzündung ist zwar schmerzhaft aber nicht wirklich schlimm.

Die Beschwerden nehmen mit jedem Kilometer zu. Ich wechsele das Tempo alle paar Minuten schalte ich einen Gang runter auf einen zügigen Wanderschritt. Kurz vor Gandenitz genehmige ich mir eine kleine Pause auf einer Bank und überlege, wie es weiter gehen soll.

  • Den Etappenlauf abbrechen und mit Bus und Bahn wieder nach Hause fahren? Kommt gar nicht in Frage!
  • Diese Etappe abbrechen und nach Neubrandenburg mit dem Bus fahren? Nur, wenn es gar nicht anders geht.
  • Erst mal im Wanderschritt mit kleinen Abschnitten im langsamen Jogging-Tempo weiter und schauen, wie sich das bei Schienbein verhält? Ja! wenn es gut geht, will ich ab der zweiten Hälfte die Strecke nach Neubrandenburg im Laufschritt hinter mich bringen.

Die Abschnitte, die ich im Wanderschritt zurücklege, werden immer länger. Inzwischen regnet es leicht. Doch zum Glück schüttet es nicht aus Eimern. Durch ausgedehnte Wälder geht es vorbei am Großen Küstrinsee. Am Mittag meldet sich mein Magen knurrend zu Wort, verlangt nach Futter. Die letzte der vier Pellkartoffeln, die ich seit meinem Start in Eichwalde dabei habe schmeckt nicht mehr so wirklich frisch. Also übergebe ich sie der Natur, wo sie vermutlich nicht vergammeln wird, sondern einen Leckerbissen für Wildschweine darstellt. Ich hingegen bevorzuge Studentenfutter und einen Müsliriegel. Dabei fällt mir auf, wie wenig man eigentlich braucht, um bei Kräften zu bleiben.

Entspannung zwischen Ruinen

Knapp eine dreiviertel Stunde später erreiche ich die „Dorfwüstung Krüselin“, die mit ihren Ruinen von den letzten Kriegstagen Zeugnis darüber ablegt, wie sinnlos es war, so kurz vor dem Kriegsende noch erbitterten Widerstand zu leisten. Soldaten der Wehrmacht sollen sich dort vor anrückenden russischen Truppen versteckt haben, berichten Wikipedia-Nutzer. Bei den Gefechten ist das Dorf komplett zerstört worden.

In neuerer Zeit wurden die Fundamente im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme freigelegt und Rastplätze für Wanderer und Radfahrer errichtet. Es ist ganz nett hier. Ich beschließe deshalb eine Pause einzulegen, ziehe die Schuhe aus, lüfte die Füße. Auf dem Rücken auf einer Bank liegend entspanne ich mich, während das Dach über mir mich halbwegs vor dem leichten Regen schützt. Ich lausche den Vögeln und dem leisen Rauschen der Regentropfen. Nach gut einer halben Stunde mache ich mich wieder laufend und wandernd auf den Weg.

Anstrengend ist diese Etappe bis jetzt überhaupt nicht. Denn mein Durchschnittstempo ist von anfänglich zehn auf fünf bis sieben Kilometer pro Stunde gesunken. Bald meldet sich der Hunger wieder. Beide Trinkflaschen sind noch etwa zu einem Drittel mit Wasser gefüllt. Aus der einen fülle ich etwas in die andere Flasche um und gebe dem Rest den Inhalt einer Tüte Porridge hinzu. Der Haferbrei in Tüten ist äußerst Praktisch. Das Zeug wiegt kaum etwas und lässt sich überall einfach mit Wasser aufbereiten. Im Laufschritt lasse ich den Haferbrei etwas aufquellen und schlürfe ihn nach einiger Zeit herunter. Geschmacklich ist es sicher keine Delikatesse aber wirklich schlecht schmeckt es nicht. Ich spüre, wie ich wieder mehr Kraft in den Beinen habe, als mich die Route kurz nach der kleinen Zwischenmahlzeit über asphaltierte Straßen meinem Ziel näher bringt.

Endlich wieder Sonne

Bei Lüttenhagen lasse ich die Wälder hinter mir. Hier wird die hügelige Landschaft ganz offen, ist geprägt durch intensive Landwirtschaft. Vorbei geht es an Raps- und Getreidefeldern. Es hat aufgehört zu regnen. Zunächst für kurze Zeitabschnitte blinzelt jetzt die Sonne durch die Wolkendecke. Dann löst sich die Bewölkung zunehmend auf. Auch der Wind hat zugenommen. Es wird immer wärmer, aber wegen des Windes traue ich mich noch nicht, die dünne Laufjacke auszuziehen. Die Bauern sind bringen mit Hochdruck die Getreideernte ein. Die Trecker mit großen Anhängern wirbeln eine Menge Staub auf.

Ab Stolpe führt die Strecke über eine Landstraße direkt nach Burg Stargard. Ich hätte mir den genauen Streckenverlauf auf Google-Luftbildern anschauen sollen, dann hätte ich gesehen, dass es hier keinen Radweg gibt. Zwar läuft es sich auf dem Asphalt ganz angenehm aber der entgegenkommende Verkehr ist sehr unangenehm. Ich muss auf der Hut sein, nicht über den Haufen gefahren zu werden. Die meisten Autofahrer weichen auf die Gegenspur aus. Doch einige drosseln kaum ihr Tempo. Inzwischen ist es wieder ziemlich warm geworden, auch hat der Wind etwas nachgelassen, so dass ich die Jacke wenigstens etwas öffnen kann.

Noch 24 Kilometer bis Neubrandenburg

Ein Wartehäuschen einer Bushaltestelle in Teschendorf spendet Schatten.
Ein Wartehäuschen einer Bushaltestelle in Teschendorf spendet Schatten.

Ich laufe immer längere Abschnitte anstatt zu gehen und versuche dabei das schmerzende Schienbein zu ignorieren. Die Musik aus dem Mobiltelefon hilft mir dabei. In Teschendorf fülle ich meine Trinkflaschen am Friedhof auf und lege eine kurze Pause in dem Häuschen der Bushaltestelle gegenüber ein. Jetzt sind es nur noch sechs bis sieben Kilometer bis Burg Stargard. Hier muntert mich ein alkoholfreies Radler auf, bevor ich endlich die Landstraße verlassen kann. Nur noch elf Kilometer bis zum Ziel, einer kleinen Pension in Neubrandenburg. Ich laufe durchs idyllische Lindetal, zunächst vorbei an Wiesen und Weiden, später durch bewaldetes Gebiet. Gemächlich schlängelt sich das Flüsschen Linde durch das seichte Tal. Einziger Fremdkörper ist hier die Bahnlinie links von mir.

Gegen 19 Uhr erreiche ich das Neutor, der Vier-Tore-Stadt. Trabe in ganz gemütlichem Tempo durch die Fußgängerzone vorbei an Kaffee trinkenden Menschen der Eisdiele und den Restaurants zum Marktplatz im Kern der Innenstadt.

Mittelalter trifft auf sozialistische Baukultur

Fast am Ziel, am Marktplatz in Neubrandenburg. Ich bin beeindruckt von der sozialistischen Baukultur.
Fast am Ziel, am Marktplatz in Neubrandenburg. Ich bin beeindruckt von der sozialistischen Baukultur.

Übrig geblieben von der mittelalterlichen Baukultur Neubrandenburgs ist nach dem verheerenden Brand der Altstadt nur noch die Stadtmauer mit den Wiekhäusern. Das Stadtbild ist vielmehr geprägt von der sozialistischen Plattenbauarchitektur und modernen Bauten der 1990er Jahre. Wie ein schlanker Zeigefinger ragt das schlanke Hochhaus am Haus der Kultur und Bildung am Marktplatz in den Himmel. Das Gebäude gegenüber zeugt mit seinem riesigem Relief an der Fassade von seiner DDR-Vergangenheit. Der offene Platz ohne Blumenkübel oder dergleichen strahlt trotz einer gewissen Tristes einen besonderen Charme aus vor allem wegen seiner Weitläufigkeit, die nur von den angrenzenden Häuserzeilen begrenzt wird.

Ich laufe weiter bis zur Pension und freue mich auf eine heiße Dusche und ein reichhaltiges Abendessen in der Stadt. Ob ich am nächsten Tag die Etappe nach Greifswald unter die Füße nehmen will, mache ich davon abhängig, was mein Schienbein am nächsten Morgen dazu sagt.

Kurzum hat das Schienbein Protest eingelegt. Ich gönne ihm Ruhe und beschließe deshalb die beiden Etappen nach Greifswald und nach Rambin nicht zu laufen. Ich will genügend Zeit zur Erholung haben, denn ich will unbedingt bei den 100Meilen in Berlin am 13. August 2016 starten. Immerhin: 173 Kilometer an drei Tagen habe ich jetzt in den Beinen. Nächstes Jahr starte ich einen neuen Versuch, nach Rügen zu laufen. Vielleicht laufe ich dann in Berlin los.

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Laufen, wandern und entspannen an der Dorfwüstung”

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